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Wie Kriege endeten

Der Wiener Kongress

Nach über zwanzig Jahren Krieg verhandelten die europäischen Mächte in Wien eine neue Ordnung. Was dort entstand, hielt länger als alles, was ihm vorausging

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Wiener Kongress tagte von Herbst 1814 bis Juni 1815 und ordnete Europa nach den Kriegen gegen das revolutionäre und napoleonische Frankreich neu.
  • Die Entscheidungen trafen fünf Großmächte: Österreich unter Metternich, Preußen, Russland, Großbritannien und ab Januar 1815 auch das besiegte Frankreich.
  • Beschlossen wurden neue Grenzen, die Rückkehr alter Dynastien, ein Gleichgewicht der Mächte und der Deutsche Bund als Zusammenschluss souveräner Einzelstaaten.
  • Zwischen den Großmächten folgten fast vierzig Jahre ohne großen Krieg; nach innen ging die Ordnung mit Zensur und Unterdrückung einher.

In Zahlen

9

Monate Verhandlung

Oktober 1814 bis Juni 1815

5

führende Mächte

dazu Dutzende kleinerer Staaten

39

Staaten im Deutschen Bund

rund, die Zahl änderte sich später

Die fünf Großmächte und was sie erhieltenQuelle: Deutsches Historisches Museum, LeMO; Haus der Bayerischen Geschichte

Vertreten durch

Österreich
Staatskanzler Metternich
Preußen
Außenminister Hardenberg
Russland
Zar Alexander I.
Großbritannien
Außenminister Castlereagh
Frankreich
Außenminister Talleyrand

Ergebnis in Wien

Österreich
Tirol, Salzburg, Galizien, Mailand und Venetien, Verzicht auf die Niederlande
Preußen
Zwei Fünftel Sachsens, Posen, Danzig, Westfalen und Gebiete am Rhein
Russland
Königreich Polen in Personalunion, das sogenannte Kongresspolen
Großbritannien
Behielt Helgoland, Malta, die Kapkolonie und Ceylon
Frankreich
Grenzen von 1792, ab Januar 1815 an den Verhandlungen beteiligt
So arbeitete der KongressZusammengefasst aus den Kapiteln dieser Seite, Belege in den Quellen unten
  1. Anreise im September 1814

    Vertreter von rund 200 Staaten, Herrschaften, Körperschaften und Städten treffen in Wien ein.

  2. Entscheidung im kleinen Kreis

    Die Minister Österreichs, Preußens, Russlands und Großbritanniens beanspruchen allein das Recht, über Gebiete zu bestimmen.

  3. Frankreich kommt dazu

    Talleyrand hat zunächst nur Beobachterstatus. Ab Januar 1815 ist Frankreich an den Verhandlungen beteiligt.

  4. Arbeit in Ausschüssen

    Getrennte Ausschüsse behandeln die deutsche und die europäische Frage, von der Rheinschifffahrt bis zum Sklavenhandel.

  5. Streit um Sachsen und Polen

    Um die Jahreswende 1814/1815 droht ein neuer Krieg. Beide Seiten weichen zurück, Preußen erhält zwei Fünftel Sachsens.

  6. Ein einziges Plenum

    Alle Beteiligten treten nur einmal zusammen, um die Schlussakte vom 9. Juni 1815 zu unterzeichnen.

Zeitraum
Oktober 1814 bis Juni 1815
Ort
Wien
Beteiligte
Österreich, Preußen, Russland, Großbritannien und Frankreich, dazu Gesandte zahlreicher kleinerer Staaten
Ergebnis
Eine Neuordnung des Kontinents und der Deutsche Bund, festgehalten in der Schlussakte vom 9. Juni 1815
Diplomaten in Uniform und Frack sitzen und stehen um einen Verhandlungstisch in einem Salon
Sitzung der Bevollmächtigten der acht Mächte des Pariser Vertrags auf dem Wiener Kongress 1815.Lithografie von Bernhard J. Dondorf nach Jean-Baptiste Isabey, zwischen 1833 und 1872, CC0, Rijksmuseum, Wikimedia Commons

Was war der Wiener Kongress?

Von Oktober 1814 bis Juni 1815 kamen in Wien Staatsmänner und Diplomaten zusammen, um einen Kontinent neu zu ordnen, den Revolution und Krieg über zwei Jahrzehnte erschüttert hatten. Geleitet wurde die Zusammenkunft vom österreichischen Staatskanzler Clemens Fürst von Metternich.

Der Kongress war kein Friedensvertrag im engeren Sinn. Der Erste Pariser Friedensvertrag vom 30. Mai 1814 hatte den Krieg bereits beendet und die offenen Fragen ausdrücklich an eine spätere Zusammenkunft verwiesen. In Wien ging es also nicht mehr um das Ob des Friedens, sondern um seine Bedingungen.

Verhandelt wurde über neun Monate in wechselnden Runden, oft abseits der offiziellen Sitzungen. Am Ende stand die Schlussakte vom 9. Juni 1815, ein Bündel von Vereinbarungen statt eines einzelnen Vertrags.

Wer verhandelte, und mit welchem Ziel?

Den Ton gaben die vier Mächte an, die Napoleon besiegt hatten: Österreich, Preußen, Russland und Großbritannien. Frankreich saß als Verlierer mit am Tisch und gewann im Lauf der Verhandlungen Gewicht zurück. Dazu kamen Gesandte zahlreicher kleinerer Staaten, die um ihre Stellung in der neuen Ordnung rangen.

Das erklärte Ziel war, die Verhältnisse vor der Französischen Revolution wiederherzustellen. Das zweite, unausgesprochene Ziel war praktischer: künftige Revolutionen verhindern und dafür sorgen, dass keine einzelne Macht den Kontinent noch einmal beherrschen konnte.

Beide Ziele zusammen erklären den eigentümlichen Charakter dieser Ordnung. Sie war nach außen auf Ausgleich angelegt und nach innen auf Stillstand.

Was wurde beschlossen?

Grenzen wurden neu gezogen, Herrschaftsgebiete getauscht, Dynastien wieder eingesetzt. Für den deutschsprachigen Raum war die folgenreichste Entscheidung der Deutsche Bund: ein Zusammenschluss souveräner Staaten anstelle des aufgelösten Alten Reiches, festgehalten in der Bundesakte, die Teil der Schlussakte vom 9. Juni 1815 wurde.

Dahinter stand ein Prinzip, das über die Einzelbeschlüsse hinausreichte: ein Gleichgewicht der Kräfte, in dem keine Macht stark genug sein sollte, die anderen zu überwältigen. Dieses Denken prägte die europäische Diplomatie für den Rest des Jahrhunderts.

Ergänzt wurde es im September 1815 durch die Heilige Allianz zwischen Russland, Österreich und Preußen. Sie verstand sich als Wertegemeinschaft und wirkte praktisch als Bündnis gegen jede Bewegung, die an der neuen Ordnung rüttelte.

Wie lange hielt der Frieden?

Zwischen den europäischen Staaten folgten Jahrzehnte ohne großen Krieg. Das 19. Jahrhundert ist deshalb als der friedlichste Zeitraum der europäischen Geschichte bezeichnet worden. Gemessen an den zwanzig Jahren davor ist das der bemerkenswerteste Befund über diese Verhandlungen.

Die Ordnung überstand dabei eine harte Probe. Mitten in den Verhandlungen kehrte Napoleon nach Frankreich zurück; erst seine Niederlage bei Waterloo am 18. Juni 1815 beendete diese Episode. Das in Wien Vereinbarte wurde danach bestätigt, nicht neu verhandelt.

Nach innen sah es anders aus. Die Karlsbader Beschlüsse vom September 1819 brachten Zensur und die Überwachung der Universitäten, samt einer Zentraluntersuchungskommission in Mainz. Der Druck wuchs über Jahrzehnte, bis er sich 1848 in Revolutionen entlud. Der Kongress schuf Frieden zwischen Staaten, nicht Freiheit in ihnen.

Was lässt sich daraus lernen?

Dass Frieden verhandelbar ist, auch nach zwanzig Jahren Krieg und zwischen Gegnern, die einander eben noch bekämpft haben. Und dass er Zeit braucht: neun Monate saßen die Beteiligten zusammen, und die eigentliche Arbeit begann, als die Waffen längst schwiegen.

Ebenso deutlich ist die Grenze. Ein Frieden, der nur die Abwesenheit von Krieg sichert und die Anliegen der Menschen in den Staaten übergeht, bleibt brüchig. In der Friedensforschung heißt das negativer Frieden, im Unterschied zum positiven Frieden, bei dem auch die Bedingungen fehlen, aus denen Gewalt entsteht.

Für heute heißt das zweierlei. Erstens: Wer Frieden will, muss ihn machen, und das dauert. Zweitens: Ein Waffenstillstand ist ein Anfang und kein Ergebnis. Beides gilt zwischen Staaten wie zwischen Nachbarn.

Welche Grenzen wurden neu gezogen?

Den härtesten Streit lösten Sachsen und Polen aus. Preußen verlangte das ganze Königreich Sachsen, das an der Seite Napoleons gekämpft hatte, Russland wollte seine Herrschaft über polnisches Gebiet ausdehnen. Beides zusammen hätte das angestrebte Gleichgewicht aufgehoben. Für kurze Zeit standen sich deshalb Russland und Preußen auf der einen, Österreich, Frankreich und Großbritannien auf der anderen Seite gegenüber, und um die Jahreswende 1814/1815 drohte daraus ein neuer Krieg.

Beide Seiten wichen zurück. Preußen erhielt zwei Fünftel Sachsens, dazu Posen, Danzig, die linksrheinischen Gebiete und Westfalen, und umfasste danach rund 280.000 Quadratkilometer mit etwa 10,3 Millionen Einwohnern. Russland bekam das Königreich Polen in Personalunion, das sogenannte Kongresspolen. Österreich gab seine früheren Niederlande ab und erhielt unter anderem Tirol, Salzburg, Galizien, Mailand und Venetien. Großbritannien behielt Helgoland, Malta, die Kapkolonie und Ceylon.

Für Frankreich wurden die Grenzen von 1792 festgelegt. Hinter der Neuordnung stand ein Sicherheitsgedanke: Die Niederlande, Piemont-Sardinien, die Schweiz und ein bis an den Rhein reichendes Preußen sollten an der französischen Ostgrenze einen Schutzwall bilden. Auch der Deutsche Bund gehörte in dieses System. Die in Wien gezogenen Grenzen blieben im Wesentlichen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bestehen, die Hoffnung auf einen eigenständigen polnischen Staat erfüllte sich nicht.

Wie arbeiteten die Diplomaten in Wien?

Im September 1814 trafen Vertreter von rund 200 Staaten, Herrschaften, Körperschaften und Städten in Wien ein. Entschieden wurde aber im kleinen Kreis. Die Minister Österreichs, Preußens, Russlands und Großbritanniens beanspruchten das Recht, über Gebiete zu bestimmen, für sich allein. Frankreich, vertreten durch Außenminister Talleyrand, hatte zunächst nur Beobachterstatus und wurde erst im Januar 1815 an den Verhandlungen beteiligt.

Gearbeitet wurde in Ausschüssen, die getrennt die deutsche und die europäische Frage behandelten. Die Tagesordnung reichte von der Schifffahrt auf dem Rhein bis zur Unterbindung des Sklavenhandels. Als Plenum aller Beteiligten trat der Kongress nur ein einziges Mal zusammen, ganz am Ende, um die Schlussakte zu unterzeichnen. Die Einigung entstand also in Ausschusssitzungen und Einzelgesprächen, nicht in einer großen Versammlung.

Daneben bot Wien Bälle, Konzerte und Jagden, zu manchen Festen kamen bis zu 12.000 Gäste. Daraus entstand das geflügelte Wort „Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht vorwärts“. Die Forschung sieht das anders: Die Delegierten kamen vor allem zu vielen Arbeitssitzungen zusammen. Aus Wien ging zudem eine Gewohnheit hervor, die den Kongress überdauerte. Zwischen 1818 und 1822 trafen sich die Mächte fast jährlich zu Konferenzen.

Was daraus folgt

Ein Frieden, der nur die Waffen zum Schweigen bringt, ist stabil und trotzdem unfertig. Das Übrige beginnt danach.
Alle Friedensschlüsse

Der Verlauf

  1. 23. April 1814Waffenstillstand beendet die Kämpfe. Napoleon hat abgedankt, der Krieg ist entschieden, die Ordnung danach aber offen.
  2. 30. Mai 1814Der Erste Pariser Friedensvertrag wird unterzeichnet. Er regelt das Verhältnis zu Frankreich und verweist alles Weitere an einen Kongress.
  3. Oktober 1814Der Kongress beginnt unter Leitung des österreichischen Staatskanzlers Clemens Fürst von Metternich.
  4. 9. Juni 1815Die Schlussakte wird unterzeichnet. Sie enthält die Bundesakte und damit den Deutschen Bund, einen Zusammenschluss souveräner Staaten.
  5. 18. Juni 1815Napoleon unterliegt bei Waterloo. Der Zweite Pariser Friedensvertrag folgt und bestätigt, was in Wien vereinbart wurde.
  6. September 1815Russland, Österreich und Preußen begründen die Heilige Allianz. Aus der Friedensordnung wird ein Bündnis gegen Veränderung.
  7. September 1819Die Karlsbader Beschlüsse bringen Zensur und Überwachung der Universitäten. Der Frieden nach außen wird nach innen mit Unterdrückung bezahlt.

Häufige Fragen

Wann fand der Wiener Kongress statt?

Die Delegationen trafen im September 1814 in Wien ein, am 18. September begannen die Minister der vier Siegermächte ihre Beratungen. Verhandelt wurde von Oktober 1814 bis Juni 1815, am Ende stand die Unterzeichnung der Schlussakte. Wenige Tage später, am 18. Juni 1815, fiel bei Waterloo die militärische Entscheidung gegen Napoleon.

Was sind die Prinzipien des Wiener Kongresses?

Genannt werden meist fünf Grundsätze. Restauration meint die Wiederherstellung der alten politischen Ordnung, Legitimität die Rückkehr vertriebener Fürstenhäuser wie der Bourbonen in Frankreich. Solidarität verpflichtete die Monarchen zum gemeinsamen Vorgehen gegen revolutionäre Bewegungen. Kompensation regelte den Ausgleich von Gebietsansprüchen, und ein Gleichgewicht der Mächte sollte verhindern, dass eine Macht die anderen beherrscht.

Was geschah mit Napoleon während des Kongresses?

Napoleon hatte 1814 abgedankt und war auf die Insel Elba verbannt worden. Am 26. Februar 1815 verließ er Elba und landete am 1. März bei Antibes in Frankreich, was neue Kämpfe auslöste. Die Verhandlungen in Wien liefen trotzdem weiter. Erst die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 brachte den endgültigen Sieg über ihn.

Was geschah mit Deutschland nach dem Wiener Kongress?

Einen deutschen Nationalstaat schuf der Kongress nicht. An die Stelle des aufgelösten Alten Reiches trat der Deutsche Bund, eine Föderation souveräner Einzelstaaten mit einer ständigen Bundesversammlung als einzigem gemeinsamem Organ. Die ersten Jahre gelten als offen, sowohl für Verfassungen in den Einzelstaaten als auch für mehr nationale Einheit. Der Bund bestand bis 1866.

Welche Rolle spielte Frankreich auf dem Kongress?

Frankreich saß als besiegte Macht mit am Tisch und war ab Januar 1815 voll an den Verhandlungen beteiligt. Sein Rang als Großmacht blieb unangetastet, weil er für das Gleichgewicht gebraucht wurde. Die Forschung wertet es als Leistung dieser Ordnung, dass sie einen Siegfrieden vermied, der den Unterlegenen gedemütigt und dauerhaft ausgegrenzt hätte.

Von der Geschichte zur eigenen Mission

Jeder dieser Verträge war das Werk von Menschen, die es für machbar hielten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.

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