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Wie Kriege endeten

Der Versailler Vertrag

Am 28. Juni 1919 unterzeichneten die Beteiligten im Spiegelsaal von Versailles einen Vertrag, den nur eine Seite ausgehandelt hatte. Daran entschied sich, wie lange er halten konnte

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Versailler Vertrag, unterzeichnet am 28. Juni 1919 und in Kraft seit dem 10. Januar 1920, beendete den Ersten Weltkrieg zwischen dem Deutschen Reich und den Alliierten.
  • Ausgehandelt haben ihn die Siegermächte in Paris; die deutsche Delegation erhielt den fertigen Text und konnte nur schriftlich Einwände erheben.
  • Deutschland verlor ein Siebtel seines Gebiets mit einem Zehntel der Bevölkerung und alle Kolonien, musste abrüsten und Reparationen zahlen.
  • Der Vertrag schuf zugleich den Völkerbund, blieb in der Weimarer Republik heftig umstritten und war einer von fünf Pariser Vorortverträgen.

In Zahlen

440

Artikel

in fünfzehn Teilen, dazu Anlagen

27

Staaten am Tisch

das Deutsche Reich war keiner davon

100.000

Mann Heeresstärke

Obergrenze für die Reichswehr, keine Luftwaffe

Was der Vertrag schuf und wo er an Grenzen stießZusammengefasst aus den Kapiteln dieser Seite, Belege in den Quellen unten

Was er schuf

  • Er beendete den Kriegszustand, den der Waffenstillstand vom 11. November 1918 offengelassen hatte.
  • Teil I enthält die Satzung des Völkerbundes, der ersten dauerhaften Einrichtung, die Konflikte zwischen Staaten verhandeln sollte.
  • Teil XIII gründete die Internationale Arbeitsorganisation.
  • Er blieb veränderbar: Locarno 1925, Beitritt zum Völkerbund 1926, mehrfach angepasste Reparationen.

Wo er an Grenzen stieß

  • Das Deutsche Reich saß nicht am Tisch und konnte Einwände nur schriftlich vorbringen.
  • Innenpolitisch blieb er umstritten und wurde zum Bezugspunkt für die Gegner der Republik.
  • Der Völkerbund scheiterte an seinen Mitteln.
  • Zwanzig Jahre nach dem Inkrafttreten begann der Zweite Weltkrieg. Eine gerade Linie dorthin zieht die Forschung nicht.
Die Pariser Vorortverträge 1919 und 1920Quelle: Deutsches Historisches Museum, Ausstellung Der Erste Weltkrieg; Bundeszentrale für politische Bildung

Unterzeichnet

Versailles
28. Juni 1919
Saint-Germain-en-Laye
10. September 1919
Neuilly-sur-Seine
27. November 1919
Trianon
4. Juni 1920
Sèvres
10. August 1920

Mit

Versailles
Deutsches Reich
Saint-Germain-en-Laye
Österreich
Neuilly-sur-Seine
Bulgarien
Trianon
Ungarn
Sèvres
Osmanisches Reich

Kernpunkt

Versailles
Gebietsverluste, alle Kolonien, Reparationen
Saint-Germain-en-Laye
Anerkennung der Tschechoslowakei und des Königreichs der Serben, Kroaten, Slowenen
Neuilly-sur-Seine
Grenzgebiete abgetreten, 2,25 Milliarden Goldfranken
Trianon
67% des Gebiets und 58% der Bevölkerung verloren
Sèvres
Große Gebiete abgetreten, fremde Militär- und Finanzkontrolle
Zeitraum
Januar 1919 bis Januar 1920
Ort
Paris und Versailles
Beteiligte
Das Deutsche Reich und 27 alliierte und assoziierte Mächte, den Ton gaben Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Italien an
Ergebnis
Ein Vertrag aus 440 Artikeln, unterzeichnet am 28. Juni 1919, in Kraft seit dem 10. Januar 1920, mit der Satzung des Völkerbundes als Teil I
Delegierte sitzen an einem langen Tisch unter hohen Spiegelbögen und vergoldeten Verzierungen
Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Spiegelsaal von Versailles am 28. Juni 1919.Gemälde von William Orpen, 1919, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Was war der Versailler Vertrag?

Der Versailler Vertrag ist der Friedensvertrag, mit dem der Erste Weltkrieg zwischen dem Deutschen Reich und den alliierten Mächten völkerrechtlich beendet wurde. Unterzeichnet wurde er am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, in Kraft trat er am 10. Januar 1920.

Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 hatte die Kämpfe beendet, den Kriegszustand aber nicht aufgehoben. Genau diese Lücke schloss der Vertrag: Er regelte Grenzen, Entschädigungen, Rüstung und Verantwortung und schuf mit dem Völkerbund zugleich eine Einrichtung, die künftige Kriege verhindern sollte.

Der Text umfasst 440 Artikel in fünfzehn Teilen. Teil I enthält die Satzung des Völkerbundes, Teil XIII die Gründung der Internationalen Arbeitsorganisation. Der Vertrag ist damit nicht nur eine Abrechnung, sondern auch der Anfang der modernen internationalen Organisation.

Wer verhandelte, und wer nicht?

Ab dem 18. Januar 1919 kamen in Paris Vertreter von 27 alliierten und assoziierten Staaten zusammen. Die Richtung bestimmten vier: Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Italien, in der Sache vor allem die ersten drei.

Ihre Ziele lagen weit auseinander. Frankreich suchte dauerhafte Sicherheit vor einem Nachbarn, auf dessen Boden der Krieg nicht stattgefunden hatte. Großbritannien wollte ein Gleichgewicht, das den Handel wieder in Gang bringt. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte vierzehn Punkte vorgelegt, deren Kern das Selbstbestimmungsrecht der Völker und eine Organisation zur Sicherung des Friedens waren.

Das Deutsche Reich saß nicht mit am Tisch. Seine Delegation erhielt den fertigen Text am 7. Mai 1919 und konnte Einwände nur schriftlich vorbringen. Aus dieser Verfahrensentscheidung entstand das Wort vom Diktatfrieden, das die deutsche Debatte über den Vertrag von Beginn an prägte.

Was wurde beschlossen?

Das Deutsche Reich trat rund ein Siebtel seines Staatsgebiets ab: Elsass-Lothringen an Frankreich, weite Teile Westpreußens und der Provinz Posen an das wiedererrichtete Polen, kleinere Gebiete an Belgien, Dänemark und die Tschechoslowakei. Danzig wurde Freie Stadt unter Schutz des Völkerbundes, das Saargebiet für fünfzehn Jahre dessen Verwaltung unterstellt. Die Kolonien gingen als Mandate an die Siegermächte.

Militärisch wurde das Heer auf 100.000 Mann begrenzt, die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft, schwere Artillerie, Panzer, Luftwaffe und U-Boote verboten, das Rheinland entmilitarisiert und für fünfzehn Jahre besetzt.

Artikel 231 wies dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten die Verantwortung für die Kriegsschäden zu und begründete damit die Pflicht zu Reparationen. Die Höhe blieb zunächst offen; der Londoner Zahlungsplan vom Mai 1921 setzte sie auf 132 Milliarden Goldmark fest, eine Summe, die in den zwanziger Jahren mehrfach neu geregelt wurde.

Wie lange hielt der Frieden?

Zwanzig Jahre lagen zwischen dem Inkrafttreten im Januar 1920 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939. Keiner der historischen Friedensschlüsse, die diese Reihe behandelt, hat kürzer getragen.

Dabei gab es Jahre, in denen es anders aussah. Die Verträge von Locarno 1925 regelten die Westgrenze im Einvernehmen, 1926 trat das Deutsche Reich dem Völkerbund bei, die Reparationen wurden mehrfach an die wirtschaftliche Lage angepasst. Diese Phase zeigt, dass der Vertrag selbst veränderbar war.

Zugleich blieb er innenpolitisch dauerhaft umstritten und wurde zum Bezugspunkt für die Gegner der Republik. Historisch strittig ist bis heute, welches Gewicht der Vertrag am Weg in den nächsten Krieg hat und welches die Weltwirtschaftskrise, die innenpolitischen Verhältnisse und die Entscheidungen der dreißiger Jahre tragen. Eine gerade Linie von 1919 nach 1939 zieht die Forschung nicht.

Was lässt sich daraus lernen?

Der auffälligste Unterschied zum Wiener Kongress hundert Jahre zuvor liegt nicht im Inhalt, sondern im Verfahren. In Wien saß die unterlegene Macht mit am Tisch und gewann im Lauf der Verhandlungen Gewicht zurück. In Paris wurde über sie verhandelt. Der eine Frieden hielt Jahrzehnte, der andere zwanzig Jahre.

Daraus lässt sich keine Regel machen, aber eine Frage. Wer einen Streit beendet, entscheidet immer zweimal: über das Ergebnis und darüber, wer daran mitwirken durfte. Das zweite bestimmt, ob das erste nach der Unterschrift noch trägt.

Bemerkenswert ist der andere Teil desselben Vertrags. Mit dem Völkerbund entstand die erste dauerhafte Einrichtung, die Konflikte zwischen Staaten verhandeln statt austragen sollte. Sie scheiterte an ihren Mitteln, doch die Vereinten Nationen von 1945 bauen erkennbar auf dieser Idee auf. Auch gescheiterte Institutionen hinterlassen Werkzeuge.

Warum unterschrieb die deutsche Regierung?

Die Bedingungen stießen in Deutschland auf breite Ablehnung, von der äußersten Rechten bis zur Sozialdemokratie. Vor allem wegen des Artikels über die Verantwortung für den Krieg galt der Vertrag als Diktat und Schandfrieden. Ministerpräsident Philipp Scheidemann hatte erklärt, wer ihn unterschreibe, dem müsse die Hand verdorren. Um die Unterzeichnung nicht verantworten zu müssen, trat sein Kabinett im Juni 1919 geschlossen zurück.

Die Alliierten ließen wenig Spielraum. Nach Übergabe der endgültigen Fassung räumten sie eine Annahmefrist von zunächst fünf, dann sieben Tagen ein und drohten mit einer Intervention. Führende deutsche Militärs hielten Widerstand für aussichtslos. Unter diesem Druck billigte die Nationalversammlung in Weimar den Vertrag mit 237 gegen 138 Stimmen. Eine politisch vertretbare Alternative zur Unterschrift gab es nach dem Urteil des Deutschen Historischen Museums nicht.

Am 28. Juni 1919 unterzeichneten der neue Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell im Spiegelsaal. Für diese Unterschrift zahlten die demokratischen Parteien einen hohen Preis. Gegner der Republik warfen ihnen vor, deutsche Interessen verraten zu haben, und setzten den Vertrag mit der Republik selbst gleich. Zusammen mit der Dolchstoßlegende diente er in den folgenden Jahren der Agitation gegen die Weimarer Republik und gegen das Ausland.

Wie lange wurden die Reparationen gezahlt?

Der Vertrag legte die Pflicht zu Reparationen fest, die Höhe blieb offen. Nach dem Londoner Zahlungsplan von 1921 folgten mehrere Neuregelungen. Der Dawes-Plan von 1924 entschärfte die Konfrontation und eröffnete wirtschaftlich neue Perspektiven. Der Young-Plan von 1929 setzte die Gesamtsumme auf 112 Milliarden Goldmark fest, abzutragen bis 1988. Ein Volksentscheid gegen den Young-Plan, betrieben von NSDAP, DNVP und Stahlhelm, scheiterte.

Die Weltwirtschaftskrise beendete die Zahlungen. Auf der Konferenz von Lausanne verzichteten die Alliierten im Juli 1932 auf weitere Forderungen, vereinbart wurde nur eine Abschlusszahlung von drei Milliarden Reichsmark, die nie geleistet wurde. Tatsächlich gezahlt hatte das Deutsche Reich zwischen 1919 und 1932 nach Angaben des Deutschen Historischen Museums 25 Milliarden Goldmark, dazu kamen Sachlieferungen. Andere Berechnungen kommen je nach Bewertung zu abweichenden Summen.

Ganz erledigt war die Sache damit nicht. Um die Reparationen zu bedienen, hatte das Reich Auslandsanleihen aufgenommen, darunter die Dawes-Anleihe von 1924 und die Young-Anleihe von 1930. Die Bundesrepublik regelte sie im Londoner Schuldenabkommen von 1953. Die Zinsrückstände aus den Jahren 1945 bis 1952 wurden darin bis zu einer Wiedervereinigung zurückgestellt und ab 1990 bedient. Die letzten dieser Zinszahlungen leistete die Bundesrepublik 2010.

Was daraus folgt

Ein Frieden, den eine Seite nur unterschreibt, ist eine Urkunde. Getragen wird er erst, wenn beide Seiten etwas darin wiederfinden.
Alle Friedensschlüsse

Der Verlauf

  1. 11. November 1918Der Waffenstillstand von Compiègne beendet die Kämpfe. Rechtlich ist der Krieg damit nicht beendet, sondern unterbrochen.
  2. 18. Januar 1919In Paris beginnt die Friedenskonferenz. Siebenundzwanzig Staaten verhandeln, die unterlegene Seite ist nicht geladen.
  3. 7. Mai 1919Die deutsche Delegation erhält den fertigen Vertragstext. Verhandelt wird darüber nicht, Einwände sind schriftlich einzureichen.
  4. 28. Juni 1919Unterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles, auf den Tag fünf Jahre nach den Schüssen von Sarajevo.
  5. 9. Juli 1919Die Weimarer Nationalversammlung stimmt der Ratifizierung zu, nach einer Debatte, die die junge Republik spaltet.
  6. 10. Januar 1920Der Vertrag tritt in Kraft. Am selben Tag nimmt der Völkerbund seine Arbeit auf, die erste dauerhafte Organisation zur Sicherung des Friedens.
  7. Mai 1921Der Londoner Zahlungsplan beziffert die Reparationen auf 132 Milliarden Goldmark. Die Summe wird in den Folgejahren mehrfach neu geregelt.
  8. September 1926Das Deutsche Reich tritt dem Völkerbund bei. Der Weg dorthin führte über die Verträge von Locarno ein Jahr zuvor.

Häufige Fragen

Was besagt Artikel 231 des Vertrags?

Artikel 231 benennt Deutschland und seine Verbündeten als Urheber aller Verluste und Schäden, die den Alliierten durch den Krieg entstanden. Er sollte vor allem die Pflicht zu Reparationen völkerrechtlich absichern. In Deutschland wurde er als Zuweisung der Alleinschuld verstanden und als moralische Herabsetzung empfunden. Eine Mantelnote der Alliierten auf die deutschen Einwände sprach die Schuld dann ausdrücklich aus.

Was war die Dolchstoßlegende?

Die Dolchstoßlegende behauptete, Deutschland sei im Felde unbesiegt gewesen und habe den Krieg nicht militärisch verloren. Sie leugnete die historischen Tatsachen, denn die Heerführer Hindenburg und Ludendorff wussten, dass Deutschland besiegt war. Zusammen mit dem Friedensvertrag wurde die Legende in der Weimarer Republik zur Agitation gegen die Republik genutzt.

Warum wurde der Vertrag im Spiegelsaal unterzeichnet?

Im Spiegelsaal von Versailles war am 18. Januar 1871, nach dem Sieg über Frankreich, das Deutsche Kaiserreich proklamiert worden. In Frankreich galt das als Schmach. Georges Clemenceau, der Vorsitzende der Friedenskonferenz, verfolgte nach einer Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung die Ziele Revanche, Rache und Sicherheit. Zur Unterzeichnung bestellte er fünf im Krieg entstellte französische Soldaten in den Saal.

Was verlor Deutschland durch den Vertrag?

Das Deutsche Reich verlor ein Siebtel seiner Fläche, zehn Prozent seiner Bevölkerung und alle Kolonien. Elsass-Lothringen ging an Frankreich, Posen und Westpreußen an Polen. Das Heer wurde auf 100.000 Berufssoldaten, die Marine auf 15.000 Mann begrenzt, Luftstreitkräfte waren verboten. Hinzu kamen Reparationen, die zum Teil als Sachleistungen zu erbringen waren.

Welche Verträge gehören zu den Pariser Vorortverträgen?

Die Pariser Vorortverträge sind fünf Friedensverträge zum Ende des Ersten Weltkriegs. Neben dem Vertrag mit Deutschland gehören dazu die Verträge von Saint-Germain-en-Laye mit Österreich, Neuilly-sur-Seine mit Bulgarien, Trianon mit Ungarn und Sèvres mit dem Osmanischen Reich. Unterzeichnet wurden sie zwischen Juni 1919 und August 1920. Für die Türkei legte 1923 der Frieden von Lausanne neue Grenzen fest.

Von der Geschichte zur eigenen Mission

Jeder dieser Verträge war das Werk von Menschen, die es für machbar hielten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.

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