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Streit lösen

Gewaltfreie Kommunikation

Vier Schritte, die einen Vorwurf in eine Aussage über die eigene Lage übersetzen. Das klingt einfach und ist im Streit die schwerste Übung

Das Wichtigste in Kürze

  • Gewaltfreie Kommunikation ist ein Gesprächsmodell von Marshall B. Rosenberg, das er ab den sechziger Jahren entwickelt hat.
  • Sie folgt vier Schritten: beobachten statt urteilen, Gefühl nennen, Bedürfnis nennen, um etwas Konkretes bitten.
  • Ziel ist nicht, den anderen zu ändern, sondern eine Verbindung, in der die Bedürfnisse beider Seiten zählen.
  • Eine Person reicht zum Anfangen; Übung macht die Schritte im Streit verlässlich.

In Zahlen

4

Schritte

Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte

1

Person genügt zum Anfangen

die Methode braucht kein Einverständnis

0

Vorbedingungen

kein Verfahren, kein Termin, keine dritte Person

So fängst du mit Gewaltfreier Kommunikation an
  1. Einen Satz vorbereiten

    Vor dem nächsten schwierigen Gespräch einen Satz formulieren, der nur beschreibt, was geschehen ist, ohne ein Wort der Bewertung.

  2. Forderung übersetzen

    Ein Anliegen schriftlich von der Forderung zum Bedürfnis bringen: aus „Er soll mich informieren“ wird „Ich brauche Verlässlichkeit in der Planung“.

  3. Beim Zuhören anwenden

    Die vier Schritte auch auf das legen, was das Gegenüber sagt. In dieser Richtung wirken sie oft schneller.

  4. Mit anderen üben

    Unter Druck fällt man ins alte Muster zurück. Verlässlich werden die Schritte durch Übung, am besten zu zweit oder in einer Gruppe.

Ein Satz, zweimal gesagtBeispiel nach dem Fachverband Gewaltfreie Kommunikation e. V.

Als Urteil

Beobachtung
„Sie sind aber unfreundlich.“
Gefühl
bleibt unausgesprochen
Bedürfnis
bleibt unausgesprochen
Bitte
keine, nur ein Vorwurf

In vier Schritten

Beobachtung
„Ich habe auf meine Fragen jetzt dreimal ein Nein gehört.“
Gefühl
„Ich bin irritiert,“
Bedürfnis
„weil ich gerne verstehen würde, was los ist.“
Bitte
„Sagen Sie mir bitte, was Sie brauchen, um in dieser Sache weiterzugehen?“
Marshall B. Rosenberg und die Gewaltfreie KommunikationQuellen: Fachverband Gewaltfreie Kommunikation e. V., Center for Nonviolent Communication
  1. 1934

    Geburt in den USA

    Rosenberg wird am 6. Oktober geboren und wächst in Detroit auf.

  2. 1960er

    Das Modell entsteht

    Er entwickelt die „Nonviolent Communication“ und engagiert sich in der Bürgerrechtsbewegung.

  3. 1984

    Eigenes Zentrum

    Rosenberg gründet das Center for Nonviolent Communication.

  4. 2001

    Das Buch auf Deutsch

    „Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens“ erscheint im Junfermann Verlag.

  5. 2011

    Ruhestand

    Bis dahin hat er Trainings in mehr als 60 Ländern gegeben.

  6. 2015

    Tod mit 80 Jahren

    Rosenberg stirbt am 7. Februar.

Herkunft
Entwickelt von Marshall B. Rosenberg, Psychologe, ab den sechziger Jahren
Einsatzfeld
Alltag, Beruf, Schule, Familie, Vermittlung zwischen Gruppen
Aufwand
Ohne Vorbereitung anwendbar, mit viel Übung verlässlich
Rolle von außen
Keine dritte Person nötig, eine Seite kann anfangen
Ein Mann sitzt auf einem Stuhl vor einer Tafel und hält an der einen Hand eine Wolfspuppe, an der anderen eine Giraffenpuppe
Marshall B. Rosenberg 1990 in einem Seminar in Neve Shalom ~ Wahat al-Salam, mit Wolf und Giraffe als Bildern für zwei Arten zu sprechen.Foto von Etan J. Tal, 1990, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Gewaltfreie Kommunikation ist ein Gesprächsmodell, das der Psychologe Marshall B. Rosenberg entwickelt hat. Es ordnet eine Äußerung in vier Schritte: die Beobachtung ohne Bewertung, das eigene Gefühl, das dahinterliegende Bedürfnis und eine konkrete Bitte.

Der Name ist missverständlich und führt regelmäßig zu Einwänden. Gemeint ist nicht ein Verzicht auf Deutlichkeit, sondern der Verzicht auf die Formen, die ein Gespräch zuverlässig beenden: Vorwurf, Verallgemeinerung, Zuschreibung von Absichten.

Die vier Schritte sind kein Skript, sondern ein Raster. Sie dienen als Orientierung dafür, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ebenso auszudrücken wie die Sicht des Gegenübers wahrzunehmen. Wer sie wörtlich abspult, klingt künstlich; wer sie versteht, verändert damit die Richtung eines Gesprächs.

Wie funktioniert Gewaltfreie Kommunikation im Gespräch?

Der entscheidende Zug steckt im ersten Schritt. Eine Beobachtung lässt sich überprüfen, eine Bewertung nicht. Wer mit einer Bewertung beginnt, bekommt eine Verteidigung und verhandelt danach über die Bewertung statt über die Sache.

Der zweite und dritte Schritt verschieben das Gespräch von der Person auf die Lage. Solange zwei Seiten über Forderungen sprechen, stehen sich zwei Positionen gegenüber, die sich ausschließen können. Auf der Ebene der Bedürfnisse ist das seltener der Fall: Verlässlichkeit und Freiraum schließen einander nicht aus, eine feste Uhrzeit und keine feste Uhrzeit schon.

Der vierte Schritt hält das Ergebnis klein. Eine Bitte betrifft die nächste konkrete Situation, nicht den Charakter des Gegenübers. Das macht sie erfüllbar, und Erfüllbarkeit ist der Unterschied zwischen einer Bitte und einer Klage.

Wann passt Gewaltfreie Kommunikation, und wann nicht?

Sie passt, wenn beide Seiten miteinander weiter zu tun haben: in Familien, Teams, Nachbarschaften, Vereinen. Dort ist der Streit meist kein einmaliger Vorfall, sondern ein Muster, und ein Muster lässt sich über die Sprache verändern.

Sie passt auch als einseitiger Anfang. Anders als ein Verfahren braucht sie kein Einverständnis des Gegenübers, keinen Termin und keine dritte Person. Eine Seite kann damit beginnen, und das ist der praktische Vorteil gegenüber jeder anderen Methode in dieser Reihe.

Sie passt nicht bei akuter Gefahr, bei Gewalt und bei einem klaren Machtgefälle, in dem eine Seite ihre Lage nicht offen benennen kann, ohne Nachteile zu riskieren. Dort gehört zuerst die Sicherheit geregelt, nicht die Gesprächsform.

Wo liegen die Grenzen der Gewaltfreien Kommunikation?

Die erste Grenze ist die Übung. Im ruhigen Zustand sind die vier Schritte einleuchtend, im Streit sind sie schwer. Wer sie nur gelesen hat, fällt unter Druck in das gewohnte Muster zurück. Das ist kein Einwand gegen die Methode, aber eine realistische Erwartung.

Die zweite Grenze ist die Wirkung auf das Gegenüber. Die Methode verbessert, was ankommt, sie erzwingt keine Antwort. Ein Gegenüber, das nicht reden will, redet auch nach vier sauber formulierten Schritten nicht.

Die dritte Grenze ist strukturell. Wo ein Konflikt aus ungleichen Rechten, Geld oder Zuständigkeiten entsteht, ändert eine Gesprächsform daran nichts. Sie macht den Konflikt besprechbar; lösen muss ihn eine Entscheidung, ein Verfahren oder eine Vereinbarung.

Wie fängt man mit Gewaltfreier Kommunikation an?

Mit einer einzigen Umformulierung, nicht mit dem ganzen Modell. Vor dem nächsten schwierigen Gespräch einen Satz vorbereiten, der nur beschreibt, was geschehen ist, ohne ein Wort der Bewertung. Das allein verändert den Anfang.

Danach hilft es, die eigenen Anliegen einmal schriftlich von Forderungen in Bedürfnisse zu übersetzen. „Er soll mich informieren" wird zu „ich brauche Verlässlichkeit in der Planung". Die zweite Fassung lässt mehrere Lösungen zu, die erste nur eine.

Und ein Hinweis, der in Kursen regelmäßig fällt: Die Methode ist zuerst ein Werkzeug zum Zuhören, nicht zum Reden. Die vier Schritte lassen sich auch auf das anwenden, was das Gegenüber sagt, und in dieser Richtung wirken sie oft schneller.

Der Kern

Die Methode ändert nicht, was jemand will. Sie ändert, was das Gegenüber davon versteht.
Alle Methoden

Die Schritte

  1. BeobachtungBeschreiben, was tatsächlich geschehen ist, ohne Bewertung. Nicht „du lässt mich immer hängen", sondern „wir waren um acht verabredet, und du bist um halb zehn gekommen". Der Unterschied entscheidet, ob das Gegenüber zuhört oder sich verteidigt.
  2. GefühlBenennen, was das auslöst. Enttäuscht, verärgert, unsicher. Wichtig ist der Unterschied zwischen einem Gefühl und einer verkleideten Anschuldigung: „ich fühle mich übergangen" beschreibt das Gegenüber, nicht die eigene Lage.
  3. BedürfnisSagen, worum es dahinter geht: Verlässlichkeit, Ruhe, Beteiligung, Anerkennung. Dieser Schritt ist der ungewohnteste, und er ist der, an dem sich die Lage am häufigsten dreht, weil Bedürfnisse sich seltener widersprechen als Forderungen.
  4. BitteEine konkrete, machbare Bitte für die nächste Situation, keine allgemeine Forderung. „Sag mir Bescheid, wenn du später kommst" ist eine Bitte; „sei zuverlässiger" ist eine Bewertung mit Fragezeichen.

Häufige Fragen zur Gewaltfreien Kommunikation

Wer hat die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt?

Entwickelt hat sie der US-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg, geboren am 6. Oktober 1934, gestorben am 7. Februar 2015. Er wuchs in Detroit auf und studierte Psychologie bei Carl Rogers. Ab den sechziger Jahren arbeitete er an dem Modell, das er „Nonviolent Communication“ nannte, und engagierte sich dabei in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. 1984 gründete er das Center for Nonviolent Communication. Bis zu seinem Ruhestand 2011 gab er nach Angaben des Zentrums Trainings in mehr als 60 Ländern.

Warum heißt die Methode gewaltfrei?

Rosenberg bezog sich unter anderem auf Mahatma Gandhi und Martin Buber. Gemeint ist nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch die Gewalt, die in Sprache liegen kann: Urteile, Vorwürfe, Drohungen und Strafen. Rosenberg sah einen engen Zusammenhang zwischen Gewalt und der Art, wie Menschen denken und sprechen. Ein Satz von ihm, den der Fachverband Gewaltfreie Kommunikation zitiert, fasst das zusammen: „Die Antwort auf die Frage nach der Ursache von Gewalt liegt in der Art und Weise, wie wir gelernt haben zu denken, zu kommunizieren und mit Macht umzugehen.“

Ist Gewaltfreie Kommunikation eine Technik oder eine Haltung?

Beides, aber die Haltung kommt zuerst. Die vier Schritte sind ein Gerüst, mit dem sich üben lässt. Wer sie nur als Formel benutzt, um andere zu einem bestimmten Verhalten zu bringen, verfehlt nach Rosenberg den Kern. Das Ziel beschreibt er so: Es gehe nicht darum, andere Menschen und ihr Verhalten zu ändern, sondern um Beziehungen, die auf Aufrichtigkeit und Empathie beruhen und möglichst die Bedürfnisse aller erfüllen. Deshalb klingt ein auswendig gelernter GFK-Satz oft hölzern, ein ehrlich gemeinter dagegen nicht.

Was bedeutet Empathie in der Gewaltfreien Kommunikation?

Der Fachverband Gewaltfreie Kommunikation unterscheidet zwei Richtungen. Selbstempathie heißt, im Hier und Jetzt mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt zu sein. Empathie nach außen heißt, die Gefühle und Bedürfnisse eines anderen Menschen einfühlsam zu verstehen. Wichtig ist der Zusatz: Verstehen bedeutet nicht, mit allem einverstanden zu sein, was der andere tut. Du kannst nachvollziehen, warum jemand laut wird, und trotzdem sagen, dass du so nicht weiterreden willst.

Welches Buch von Rosenberg eignet sich zum Einstieg?

Das Grundlagenwerk heißt auf Deutsch „Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens“ und erschien 2001 im Junfermann Verlag. Es erklärt die vier Schritte mit vielen Gesprächsbeispielen. Wer lieber in Gesprächsform liest, findet in „Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation“, einem Interview mit Gabriele Seils bei Herder, einen kürzeren Zugang. Beide Titel nennt der Fachverband Gewaltfreie Kommunikation in seiner Literaturliste. Ein Buch ersetzt allerdings nicht die Übung, am besten zu zweit oder in einer Gruppe.

Was unterscheidet Gewaltfreie Kommunikation von Ich-Botschaften?

Beide stellen die eigene Lage in den Mittelpunkt statt eines Urteils über den anderen. Die Ich-Botschaft nach Thomas Gordon hat drei Teile: das störende Verhalten, seine Wirkung und das eigene Gefühl. Die Gewaltfreie Kommunikation geht zwei Schritte weiter. Sie fragt nach dem Bedürfnis hinter dem Gefühl und endet mit einer konkreten Bitte. Damit sagt sie nicht nur, was nicht passt, sondern auch, was helfen würde. Beide Methoden ergänzen sich mit dem aktiven Zuhören, das die Seite des Hörenden übernimmt.

Vom Verfahren zur eigenen Mission

Jede dieser Methoden ist von Menschen entwickelt worden, die einen Streit vor sich hatten und ihn anders führen wollten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.

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