Wie Kriege endeten
Der Frieden von Brest-Litowsk
Im März 1918 endete der Krieg an der Ostfront mit einem Vertrag, den eine Seite diktierte. Acht Monate später war er Makulatur
Das Wichtigste in Kürze
- Der Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 beendete den Ersten Weltkrieg an der Ostfront zwischen Sowjetrussland und den vier Mittelmächten.
- Verhandelt wurde ab Dezember 1917 im deutschen Hauptquartier Ost; nach Trotzkis Abbruch erzwang ein neuer Vormarsch der Mittelmächte die Unterschrift.
- Russland gab Polen, das Baltikum, Finnland und die Ukraine auf und verlor mehr als ein Viertel seines europäischen Territoriums.
- Nach acht Monaten war der Vertrag hinfällig; 1919 musste das Deutsche Reich seine Aufhebung ausdrücklich anerkennen.
In Zahlen
8
Monate Bestand
März bis November 1918
4
Mittelmächte am Tisch
Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Bulgarien
1/3
der Bevölkerung abgetreten
dazu über die Hälfte der Industrie
- Krieg bis zum Waffenstillstandrund 40 Monate
- Friedensverhandlungengut 2 Monate
- Bestand des Vertragsgut 8 Monate
- In den abgetretenen Gebietenetwa 1/3
- Im übrigen Landetwa 2/3
- Zeitraum
- Dezember 1917 bis November 1918
- Ort
- Brest-Litowsk, heute Brest
- Beteiligte
- Sowjetrussland auf der einen Seite, das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien auf der anderen
- Ergebnis
- Ein Separatfrieden vom 3. März 1918, der mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 hinfällig wurde
- Autor
- Johannes Max Harms

Was war der Frieden von Brest-Litowsk?
Am 3. März 1918 unterzeichneten Sowjetrussland und die vier Mittelmächte in Brest-Litowsk einen Separatfrieden. Er beendete den Ersten Weltkrieg an der Ostfront, während er im Westen weiterging.
Vorausgegangen war ein politischer Umbruch. Die im November 1917 in Petrograd an die Macht gekommene Regierung hatte das sofortige Kriegsende zu einem ihrer wichtigsten Ziele erklärt und im Dekret über den Frieden Verhandlungen ohne Gebietsgewinne und Entschädigungen gefordert.
Die Gegenseite nahm das Angebot an, nicht aber die Bedingung. Ein Waffenstillstand trat am 15. Dezember 1917 in Kraft, die Verhandlungen begannen eine Woche später im Hauptquartier des deutschen Oberbefehlshabers Ost. Verhandelt wurde damit an einem Ort, der selbst schon die Kräfteverhältnisse abbildete.
Wer verhandelte, und unter welchem Druck?
Auf der einen Seite standen die Delegationen des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns, des Osmanischen Reiches und Bulgariens, geführt von der deutschen Obersten Heeresleitung, deren Vorstellungen sich gegenüber der Reichsleitung durchsetzten. Auf der anderen Seite stand eine Regierung, die wenige Wochen im Amt war und deren Armee sich auflöste.
Die russische Delegation versuchte, die Zeit zum Verbündeten zu machen, in der Erwartung, dass revolutionäre Bewegungen in Mitteleuropa die Lage verändern würden. Daraus entstand am 10. Februar 1918 die Formel „weder Krieg noch Frieden": Die Verhandlungen wurden abgebrochen, der Krieg für beendet erklärt und nicht unterzeichnet.
Die Rechnung ging nicht auf. Am 18. Februar nahmen die Mittelmächte den Vormarsch wieder auf und rückten in wenigen Tagen weit nach Osten vor. Die Unterschrift vom 3. März erfolgte zu härteren Bedingungen als jenen, die drei Wochen zuvor abgelehnt worden waren.
Was wurde beschlossen?
Sowjetrussland verzichtete auf die Herrschaft über weite Gebiete im Westen des früheren Zarenreiches, darunter Polen, das Baltikum, Finnland und die Ukraine. In der Summe waren das etwa ein Drittel der Bevölkerung, mehr als die Hälfte der Industrie und der größte Teil der Kohlevorkommen.
Vorbereitet hatte das ein zweiter Vertrag. Am 9. Februar 1918 hatten die Mittelmächte mit der Ukrainischen Volksrepublik einen eigenen Frieden geschlossen, der ihnen Getreidelieferungen sichern sollte und deshalb als Brotfrieden bekannt wurde. Er nahm der russischen Delegation ein Druckmittel, bevor die Hauptverhandlung entschieden war.
Hinzu kamen wirtschaftliche Bestimmungen und ein späteres Zusatzabkommen über Zahlungen. Der Vertrag war damit kein Ausgleich zwischen zwei Seiten, sondern die Festschreibung eines Übergewichts. In der zeitgenössischen Wahrnehmung und in der Forschung heißt er deshalb Diktatfrieden.
Wie lange hielt der Frieden?
Acht Monate. Der Waffenstillstand von Compiègne vom 11. November 1918 verpflichtete das Deutsche Reich, den Vertrag aufzugeben; damit war er gegenstandslos, noch bevor seine Bestimmungen umgesetzt waren.
Militärisch hatte er seinen Zweck für die Mittelmächte erfüllt: Truppen wurden vom Osten an die Westfront verlegt. Politisch band die Besetzung der abgetretenen Gebiete jedoch weiterhin große Verbände, sodass der erhoffte Entlastungseffekt hinter den Erwartungen zurückblieb.
Für die Gegenseite war der Vertrag trotz der Verluste ein Gewinn an Zeit. Die Regierung in Moskau hatte den Krieg nach außen beendet und konnte sich dem Bürgerkrieg im Inneren zuwenden. Ein Vertrag kann also für eine Seite zugleich eine Niederlage und ein Mittel sein.
Was lässt sich daraus lernen?
Brest-Litowsk ist unter den Friedensverträgen dieser Reihe der Gegenfall. Er zeigt, was ein Friedensvertrag ist, wenn nur eine Seite ihn gestaltet: eine Momentaufnahme der Kräfteverhältnisse. Ändern sich diese, ändert sich der Vertrag, und zwar nicht durch Verhandlung, sondern durch Wegfall.
Daran lässt sich die Unterscheidung zeigen, die in der Friedensforschung seit Johan Galtung geläufig ist. Negativer Frieden ist die Abwesenheit von Gewalt. Positiver Frieden setzt voraus, dass auch die Verhältnisse fehlen, aus denen Gewalt entsteht. Der Vertrag von 1918 schuf nicht einmal ersteren dauerhaft, weil er nichts regelte, woran beide Seiten ein Interesse hatten.
Praktisch heißt das: Die Frage nach der Haltbarkeit eines Abkommens ist nicht, wie gut die Bedingungen für die stärkere Seite sind, sondern was die schwächere Seite darin hat, das sie zu verteidigen bereit ist. Fehlt das, ist der Vertrag nur die Pause bis zur nächsten Lageänderung.
Warum schied Russland aus dem Krieg aus?
Der Krieg verschärfte die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme des Zarenreiches. Kriegsmüdigkeit und die schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Am 15. März 1917 nach heutigem Kalender dankte Zar Nikolaus II. ab, damit endete die Monarchie. Die Macht übernahm eine Provisorische Regierung, die sie mit den Arbeiter- und Soldatenräten teilen musste.
Die neue Regierung setzte den Krieg an der Seite der Verbündeten fort und verlor damit die Zustimmung großer Teile der Bevölkerung. Davon profitierten die Bolschewiki um Wladimir Lenin. Lenin kehrte im April 1917 aus dem Schweizer Exil zurück, die deutsche Regierung hatte die Reise ermöglicht. Seine Anhängerschaft wuchs mit dem Versprechen, den Krieg sofort zu beenden, das Land den Bauern und alle Macht den Räten zu geben.
Mit der Oktoberrevolution kamen die Bolschewiki im November 1917 an die Macht. Zu ihren ersten Maßnahmen gehörte der Austritt aus dem Krieg. Die alte Armee löste sich auf, im Inneren formierten sich Gegner, und die neue Regierung brauchte den Frieden, um die eroberte Macht zu festigen. Auf deutscher Seite verband sich mit dem Ende der Ostfront die Hoffnung, den Krieg im Westen doch noch zu entscheiden.
Wie wurde der Vertrag nach dem Krieg bewertet?
Die Siegermächte verlangten 1919 eine ausdrückliche Absage. Im Friedensvertrag mit den Alliierten erkannte Deutschland in Artikel 116 die Aufhebung der Verträge von Brest-Litowsk an. Artikel 292 erklärte alle Abkommen für aufgehoben, die Deutschland vor und während des Krieges mit Russland oder mit Staaten auf früher russischem Gebiet geschlossen hatte. Der Vertrag war damit doppelt erledigt: militärisch durch den Waffenstillstand, völkerrechtlich durch den Friedensschluss.
In der Weimarer Republik wurde er zum Argument im Streit um den Frieden von 1919. Hitler beklagte, viele Deutsche sähen in diesem Frieden nur eine gerechte Vergeltung für Brest-Litowsk, und stellte ab 1920 in Reden beide Verträge Punkt für Punkt gegeneinander. Nach einem Bericht über eine Rede vom September 1920 nannte er den Vertrag von 1918 ein Kinderspiel gegen die neuen Friedensverträge. Diesen Vortrag wiederholte er nach Baumgart dutzendfach in immer neuer Fassung.
Die Forschung urteilt nüchterner. Der Historiker Winfried Baumgart wies 1969 darauf hin, dass Diktat kein völkerrechtlicher Begriff ist, sondern ein politisches Schlagwort, und dass ein Vergleich über Prozentzahlen verlorener Gebiete nicht ausreicht. Die sowjetische und später die russische Geschichtsschreibung folgte lange Lenins Deutung eines schweren, aber alternativlosen Opfers. Jüngere Arbeiten betonen die Folgen für Ostmitteleuropa und lesen den Vertrag als europäische, nicht nur deutsch-russische Geschichte.
Was daraus folgt
Ein Vertrag, der allein auf der Lage am Tag der Unterschrift ruht, endet mit ihr.
Quellen
- Bundesarchiv, Geschichtsgalerie: Frieden von Brest-Litowsk
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Friede von Brest-Litowsk 1918
- 1000 Schlüsseldokumente (Bayerische Staatsbibliothek): Der Friedensvertrag von Brest-Litovsk, mit Einführung von Winfried Baumgart
- Österreichisches Staatsarchiv: Friede mit Russland, der Vertrag von Brest-Litowsk 1918
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Die Russische Revolution
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Kriegserklärungen 1914 bis 1918
- dekoder: Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk (Robert Kindler)
- Mitteldeutscher Rundfunk: Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk
- Winfried Baumgart: Brest-Litovsk und Versailles. Ein Vergleich zweier Friedensschlüsse, Universität Mainz
- Yale Law School, Avalon Project: Friedensvertrag von Versailles, Teil III (Artikel 116)
Der Verlauf
- 8. November 1917Die neue Regierung in Petrograd verkündet das Dekret über den Frieden und fordert Verhandlungen ohne Gebietsgewinne und Entschädigungen.
- 15. Dezember 1917Ein Waffenstillstand tritt in Kraft. An der Ostfront wird nicht mehr gekämpft, während über die Bedingungen gesprochen wird.
- 22. Dezember 1917Die Verhandlungen beginnen im Hauptquartier des deutschen Oberbefehlshabers Ost in Brest-Litowsk.
- 9. Februar 1918Die Mittelmächte schließen einen eigenen Frieden mit der Ukrainischen Volksrepublik und schwächen damit die russische Verhandlungsposition.
- 10. Februar 1918Die russische Delegation bricht die Verhandlungen mit der Formel „weder Krieg noch Frieden" ab, ohne zu unterzeichnen.
- 18. Februar 1918Die Mittelmächte nehmen den Vormarsch wieder auf und rücken in wenigen Tagen weit nach Osten vor.
- 3. März 1918Der Vertrag wird unterzeichnet, zu härteren Bedingungen als die im Februar abgelehnten.
- 11. November 1918Der Waffenstillstand von Compiègne verpflichtet das Deutsche Reich, den Vertrag aufzugeben. Er ist damit gegenstandslos.
Weiter in dieser Reihe
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Häufige Fragen
Wo liegt Brest-Litowsk, und wie heißt der Ort heute?
Brest-Litowsk heißt heute Brest und liegt in Belarus, im Deutschen lange Weißrussland genannt. 1917 war die Stadt Sitz des deutschen Oberbefehlshabers Ost. Dort wurde zuerst der Waffenstillstand und dann der Friedensvertrag verhandelt, unterzeichnet im Weißen Palast der Festung Brest.
Hat Russland den Friedensvertrag unterschrieben?
Ja, am 3. März 1918. Für die Russische Sowjetrepublik unterzeichneten Sokolnikow, Karachan, Tschitscherin und Petrowski. Trotzki, der die Delegation zuvor geführt hatte, hatte am 10. Februar eine Unterschrift noch verweigert. Erst der erneute Vormarsch der Mittelmächte und Lenins Drängen in der eigenen Partei führten zur Unterzeichnung.
Was war die Operation Faustschlag?
So hieß der Vormarsch der Mittelmächte, der nach dem Abbruch der Verhandlungen im Februar 1918 begann. Ihre Truppen besetzten die Ukraine, Weißrussland und das noch russisch kontrollierte Baltikum und kamen dem Regierungssitz Petrograd bedrohlich nahe. Die zerfallende russische Armee konnte sie nicht aufhalten. Der Vormarsch erzwang die Unterschrift vom 3. März.
Welche Rolle spielten Lenin und Trotzki?
Trotzki führte die russische Delegation ab Januar 1918. Er wollte die Verhandlungen in die Länge ziehen, weil er auf Revolutionen in Mitteleuropa hoffte, und nutzte sie als öffentliche Bühne. Lenin setzte gegen Widerstand in der eigenen Partei durch, auch harte Bedingungen anzunehmen. Für ihn war der Frieden die Atempause, die die Revolution zum Überleben brauchte.
Was wurde aus den abgetretenen Gebieten?
Die Mittelmächte planten dort Staaten unter deutscher Kontrolle, von der Ukraine bis zum Baltikum. Mit dem Kriegsende kam es anders. Polen, Lettland, Estland, Litauen und Finnland wurden unabhängig und blieben es zunächst für rund zwei Jahrzehnte. Die Ukraine und Weißrussland wurden ab 1919 zu Sowjetrepubliken geformt.
Von der Geschichte zur eigenen Mission
Jeder dieser Verträge war das Werk von Menschen, die es für machbar hielten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.
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