Wie Kriege endeten
Der Frieden von Tilsit
Preußen verlor die Hälfte seines Staates und behielt seine Eigenständigkeit nur, weil ein Dritter am Tisch sie erhalten wollte
Das Wichtigste in Kürze
- Der Frieden von Tilsit besteht aus zwei Verträgen vom Juli 1807: Frankreich schloss ihn am 7. Juli mit Russland und am 9. Juli mit Preußen.
- Er beendete den Vierten Koalitionskrieg, den Preußen und Russland gegen Frankreich führten. Napoleon verhandelte mit dem Zaren auf Augenhöhe und diktierte Preußen die Bedingungen.
- Preußen verlor mehr als die Hälfte seines Gebiets und fast die Hälfte seiner Einwohner, darunter alles zwischen Rhein und Elbe und die ehemals polnischen Provinzen.
- Der Vertrag hielt bis 1813. In diesen Jahren begannen die preußischen Reformen, vom Oktoberedikt zur Bauernbefreiung 1807 bis zum Umbau des Heeres.
In Zahlen
1/2
des Staatsgebiets verloren
dazu ein Großteil der Bevölkerung
42.000
Mann Heeresobergrenze
erst 1808 im Pariser Vertrag
6
Jahre Bestand
1807 bis zum Aufbruch von 1813
- abgetreten1/2
- behalten1/2
Königreich Westphalen
- Was es erhielt
- Preußens Besitz zwischen Rhein und Elbe
- Wer regierte
- König Jérôme, Napoleons jüngster Bruder
- Artikel im Vertrag
- VI bis VIII
Herzogtum Warschau
- Was es erhielt
- Die ehemals polnischen Provinzen Preußens
- Wer regierte
- Der König von Sachsen
- Artikel im Vertrag
- XIII und XV
Danzig
- Was es erhielt
- Die Stadt mit zwei Meilen Umland
- Wer regierte
- Freie Stadt, französisch besetzt
- Artikel im Vertrag
- XIV und XIX
Russland
- Was es erhielt
- Einen Grenzstreifen an Bug und Narew
- Wer regierte
- Zar Alexander I.
- Artikel im Vertrag
- XVIII
- Zeitraum
- Juli 1807
- Ort
- Tilsit an der Memel
- Beteiligte
- Frankreich unter Napoleon, Russland unter Zar Alexander I. und Preußen unter Friedrich Wilhelm III.
- Ergebnis
- Zwei Verträge, mit Russland am 7. und mit Preußen am 9. Juli 1807, die Preußen etwa die Hälfte seines Gebiets nehmen
- Autor
- Johannes Max Harms

Was war der Frieden von Tilsit?
Im Juli 1807 endete im ostpreußischen Tilsit der Krieg zwischen Frankreich, Russland und Preußen. Geschlossen wurden zwei Verträge: am 7. Juli zwischen Frankreich und Russland, am 9. Juli zwischen Frankreich und Preußen.
Vorausgegangen war ein militärischer Zusammenbruch. Die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 hatte den Krieg für Preußen praktisch an einem Tag entschieden; die Niederlage der russischen Armee bei Friedland im Juni 1807 nahm dem letzten Verbündeten die Mittel zum Weiterkämpfen.
Was in Tilsit verhandelt wurde, betraf Preußen ohne Preußen. Napoleon und Zar Alexander I. sprachen zunächst allein, auf einem eigens verankerten Floß in der Memel. Der preußische König wartete am Ufer.
Wer verhandelte, und wer wurde verhandelt?
Verhandelt haben zwei: Napoleon und Alexander I. Beide hatten Grund, sich zu verständigen. Frankreich wollte Russland aus der Koalition lösen, Russland wollte den Krieg beenden, ohne selbst Gebiete zu verlieren.
Preußen war Gegenstand, nicht Partei. Dass das Land überhaupt als Staat bestehen blieb, ging auf den Zaren zurück, der auf dem Fortbestand bestand. Ohne diesen Einwurf wäre die preußische Monarchie 1807 vermutlich aufgeteilt worden.
Das Treffen der Königin Luise mit Napoleon am 6. Juli gehört zu den bekanntesten Szenen dieses Friedens und hat am Ergebnis nichts geändert. Es ist ein Beispiel dafür, wie wenig persönliche Fürsprache ausrichtet, wenn die Machtfrage vorher entschieden ist.
Was wurde beschlossen?
Preußen verlor etwa die Hälfte seines Staatsgebiets. Die Gebiete westlich der Elbe gingen an das neu gebildete Königreich Westphalen, die in den Teilungen erworbenen polnischen Provinzen an das Herzogtum Warschau.
Wann und wie Preußen die zurückgegebenen Orte und ihre Verwaltung wieder übernehmen durfte, ließ der Vertrag offen und verwies auf gesonderte Abmachungen. Damit blieb das Land von Entscheidungen abhängig, die erst noch fielen. Die Obergrenze von 42.000 Mann für das Heer kam nicht in Tilsit, sondern im September 1808 mit dem Pariser Vertrag.
Russland dagegen verlor nichts und gewann einen Partner. Derselbe Verhandlungstag brachte den beiden übrigen Beteiligten also entgegengesetzte Ergebnisse, was weniger über die Verhandlungskunst aussagt als über die Lage davor.
Wie lange hielt der Frieden?
Sechs Jahre. 1812 scheiterte Napoleons Feldzug gegen Russland, und 1813 trat Preußen wieder in den Krieg ein. Der Vertrag von Tilsit war damit erledigt.
In diesen sechs Jahren geschah allerdings etwas, das den Vertrag überdauerte. Ab Oktober 1807 begann in Preußen eine Reihe von Reformen: Aufhebung der Erbuntertänigkeit, Städteordnung mit gewählten Vertretungen, Umbau von Verwaltung und Heer, Gründung der Berliner Universität 1810.
Die Reformen waren kein Programm aus Einsicht, sondern eine Antwort auf die Niederlage. Ein Staat, der ab 1808 nur 42.000 Mann unter Waffen halten durfte, musste seine Kraft woanders herholen, und die Heeresreform legte die Grundlage für das, was 1813 folgte.
Was lässt sich daraus lernen?
Der erste Satz ist der härteste dieser Reihe über Friedensschlüsse: Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Tagesordnung. Preußen wurde 1807 verhandelt, nicht beteiligt, und der Erhalt des eigenen Staates hing am Interesse eines Dritten.
Der zweite Befund relativiert den ersten nicht, ergänzt ihn aber. Ein Diktat legt die Bedingungen fest, nicht das, was die unterlegene Seite daraus macht. Die preußischen Reformen entstanden innerhalb der Grenzen dieses Vertrags, nicht gegen sie.
Für heute lässt sich beides zusammen lesen. Ein Ergebnis, an dem eine Seite nicht mitwirken durfte, ist kein Frieden, sondern eine Pause. Und die Zeit in dieser Pause entscheidet mit darüber, was danach kommt.
Wie geriet Preußen in den Krieg von 1806?
Preußen hatte 1795 mit dem Frieden von Basel die erste Koalition gegen das revolutionäre Frankreich verlassen. Wichtiger als die Verbündeten waren ihm die Gebiete, die es im selben Jahr mit der dritten Teilung Polens gewann. Unter König Friedrich Wilhelm III. folgte eine Politik der Neutralität, die das Land zunehmend isolierte. Der König wagte es nicht, sich gegen Napoleon zu stellen.
Im Dezember 1805 sah er sich zu einem Bündnis mit Napoleon genötigt. Für preußische Gebietsabtretungen bot Napoleon ihm im Tausch das Kurfürstentum Hannover an. Als Napoleon es sich anders überlegte und Hannover den Briten zurückgab, erklärte Preußen Frankreich den Krieg. In Erinnerung an die Siege Friedrichs des Großen rechneten viele Preußen fest mit einem Erfolg. Umso schwerer traf sie, was folgte.
Die Entscheidung fiel im Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt. Napoleon besetzte Berlin, der Hof floh nach Königsberg und residierte ab Januar 1807 in Memel. Russland kämpfte als Verbündeter weiter, bis seine Armee im Juni 1807 bei Friedland geschlagen wurde. Erst danach kam es zu den Gesprächen auf der Memel. Der Krieg, auf den Preußen gesetzt hatte, war nach wenigen Monaten verloren.
Was bedeutete der Frieden für das preußische Heer?
Im Juli 1807 setzte Friedrich Wilhelm III. eine Reorganisationskommission ein. Sie sollte den verlorenen Feldzug untersuchen und Offiziere zur Rechenschaft ziehen, die versagt hatten. Die Reformer um Stein, Scharnhorst, Gneisenau, Boyen und Grolman sahen die Ursache der Niederlage tiefer: in der Kluft zwischen Staat und Volk, die es den Menschen unmöglich gemacht hatte, sich mit ihrer Regierung zu identifizieren. Diese Kluft wollten sie überbrücken.
Die Obergrenze für das Heer kam nach der Darstellung der bpb erst im September 1808 mit dem Pariser Vertrag: höchstens 42.000 Mann. Derselbe Vertrag untersagte außergewöhnliche Maßnahmen zur Landesverteidigung und die Aufstellung einer Zivilgarde. Für die Reformer, die ein Volksheer aufbauen wollten, war dieses Verbot ein noch schwererer Schlag als die Begrenzung der Zahl. Pläne für eine größere Armee mussten wieder aufgegeben werden.
Bekannt ist die Erzählung, Preußen habe mit dem Krümpersystem heimlich 150.000 Mann ausgebildet, um den Vertrag zu umgehen. Die bpb nennt das eine patriotische Legende. Das System, das Scharnhorst im Juli 1807 erstmals empfahl, sollte nur Ersatzreserven ausbilden; es wurde erst 1809 auf die ganze Armee angewandt und 1811 wieder ausgesetzt. Bei Kriegsbeginn 1813 zählte das Heer samt Reserven 65.675 Offiziere und Mannschaften.
Was daraus folgt
Wer bei einer Verhandlung nicht am Tisch sitzt, steht auf der Tagesordnung. Wie günstig das ausgeht, entscheiden dann andere.
Quellen
- Deutsches Historisches Museum, Lernportal: Befreiungskriege gegen Napoleon
- Bundeszentrale für politische Bildung: Die Preußische Armee 1807 bis 1840, Aus Politik und Zeitgeschichte
- Rundfunk Berlin-Brandenburg, Preußen-Chronik: 9. Juli 1807, Im Frieden zu Tilsit muss der König fast alle westelbischen Besitzungen und die ehemals polnischen Gebiete abgeben
- Napoléon et Empire: Vertrag von Tilsit vom 9. Juli 1807, Wortlaut (englisch)
- Bundeszentrale für politische Bildung: Die Memel im Lauf der Geschichte, Chronologie
- Bundeszentrale für politische Bildung: Russlands Suche nach der Memel
- Bundeszentrale für politische Bildung: Stadt der zwei Namen (Memel, Klaipėda)
- Landesmuseum Württemberg, museum-digital: Medaille Napoleons auf den Frieden von Tilsit 1807
Der Verlauf
- Oktober 1806Die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt entscheidet den Krieg binnen eines Tages. Der preußische Staat bricht militärisch zusammen.
- 14. Juni 1807Die Niederlage der russischen Armee bei Friedland nimmt auch dem letzten Verbündeten Preußens die Mittel zum Weiterkämpfen.
- 25. Juni 1807Napoleon und Zar Alexander I. treffen sich auf einem Floß in der Memel. Preußen ist bei diesem Gespräch nicht dabei.
- 6. Juli 1807Königin Luise bittet Napoleon in einem Vieraugengespräch um mildere Bedingungen. Am Ergebnis ändert das nichts.
- 7. Juli 1807Frankreich und Russland schließen ihren Vertrag. Der Zar setzt darin durch, dass Preußen als Staat bestehen bleibt.
- 9. Juli 1807Der Vertrag mit Preußen wird unterzeichnet. Das Land verliert die Gebiete westlich der Elbe und die polnischen Provinzen.
- Ab Oktober 1807Die preußischen Reformen beginnen: Bauernbefreiung, Städteordnung, Heeresreform. Der Umbau ist eine Antwort auf die Niederlage.
Weiter in dieser Reihe
- Der Wiener KongressOktober 1814 bis Juni 1815Nach über zwanzig Jahren Krieg verhandelten die europäischen Mächte in Wien eine neue Ordnung. Was dort entstand, hielt länger als alles, was ihm vorausging
- Der Versailler VertragJanuar 1919 bis Januar 1920Am 28. Juni 1919 unterzeichneten die Beteiligten im Spiegelsaal von Versailles einen Vertrag, den nur eine Seite ausgehandelt hatte. Daran entschied sich, wie lange er halten konnte
Häufige Fragen
Wo liegt Tilsit heute?
Tilsit liegt an der Memel und heißt seit 1946 Sowjetsk. Die Stadt gehört zum Kaliningrader Gebiet; der Fluss bildet dort seit 1991 die Grenze zu Litauen. Zum 200. Jahrestag des Friedens 2007 erhielt die Brücke über die Memel wieder den Namen Königin-Luise-Brücke, und ein Gedenkstein erinnert auf Französisch, Deutsch und Russisch an 1807.
Was wurde aus Danzig?
Preußen verzichtete für immer auf Danzig. Die Stadt erhielt mit einem Umland von zwei Meilen ihre frühere Unabhängigkeit zurück, unter dem Schutz der Könige von Preußen und Sachsen, blieb aber französisch besetzt. Ihr Hafen musste für Handel und Schiffe Großbritanniens geschlossen bleiben, solange der Seekrieg dauerte.
Welche Handelssperre verlangte der Vertrag?
Bis zu einem Frieden zwischen Frankreich und England sollten alle preußischen Länder für Handel und Schifffahrt der Engländer gesperrt sein. Kein preußischer Hafen durfte Waren zu den britischen Inseln oder Kolonien verschiffen oder Schiffe aufnehmen, die aus England kamen. So steht es in Artikel XXVII des Vertrags mit Preußen.
Wie erfuhren die Berliner vom Frieden?
Kaum. Auf Anordnung des Stadtkommandanten wurde der Frieden in Berlin gefeiert, und alle Fenster sollten am Abend beleuchtet sein. Den Inhalt des Vertrags teilten nach der Darstellung der rbb Preußen-Chronik weder die französischen noch die deutschen Behörden der Bevölkerung mit.
Wo lebte die Königsfamilie nach dem Frieden?
Der Hof war nach der Niederlage im Oktober 1806 nach Königsberg geflohen und residierte von Januar 1807 bis Januar 1808 in Memel, dem heutigen Klaipėda. Im damaligen Rathaus wohnten Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise; eine Tafel erinnert seit 1999 daran. Von Memel aus verkündete Freiherr vom Stein am 9. Oktober 1807 das Oktoberedikt zur Bauernbefreiung.
Von der Geschichte zur eigenen Mission
Jeder dieser Verträge war das Werk von Menschen, die es für machbar hielten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.
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