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Wie Kriege endeten

Das Abkommen von Dayton

Drei Wochen abgeschirmt auf einem Luftwaffenstützpunkt, und am Ende stand nicht nur ein Waffenstillstand, sondern die Verfassung eines Staates

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Abkommen von Dayton beendete den Krieg in Bosnien und Herzegowina, der von April 1992 bis Ende 1995 dauerte und Schätzungen zufolge etwa 100.000 Menschen das Leben kostete.
  • Verhandelt wurde im November 1995 auf der Wright-Patterson Air Force Base bei Dayton, Ohio, förmlich unterzeichnet am 14. Dezember 1995 in Paris.
  • Am Tisch saßen Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien. Die Vereinigten Staaten vermittelten und drängten die Kriegsparteien zu einer Einigung.
  • Anhang 4 ist bis heute die Verfassung des Staates: zwei Entitäten, eine dreiköpfige Präsidentschaft und ein Hoher Repräsentant, der die Umsetzung überwacht.

In Zahlen

21

Tage Verhandlung

abgeschirmt auf einem Luftwaffenstützpunkt

11

Anhänge

einer davon ist die Verfassung des Staates

30

Jahre ohne neuen Krieg

seit Dezember 1995

Internationale Truppen in Bosnien und Herzegowina nach DaytonZahl der Soldaten. Quelle: NATO, Peace support operations in Bosnia and Herzegovina (1995 bis 2004)
  • IFOR, ab Dezember 199560.000
  • SFOR, zu Beginn31.000
  • SFOR, Anfang 200119.000
  • SFOR, 20047.000
Was das Abkommen festlegteZusammengefasst aus den Kapiteln dieser Seite, Belege in den Quellen unten

Die Bestimmungen

  • Bosnien und Herzegowina bleibt ein Staat in seinen Grenzen.
  • Zwei Gebietseinheiten, die Föderation und die Republika Srpska, mit eigenen Regierungen, Parlamenten und Polizei.
  • Ein dreiköpfiges Staatspräsidium und ein Parlament, dessen Sitze nach drei konstituierenden Völkern verteilt sind.
  • Ein Hoher Repräsentant überwacht die zivile Umsetzung.
  • Elf Anhänge regeln Truppenrückzug, Wahlen, Flüchtlingsrückkehr und Polizeireform. Anhang 4 ist die Verfassung.
  • Eine internationale Truppe von rund 60.000 Soldaten sichert die Trennung der Verbände.
Zeitraum
November bis Dezember 1995
Ort
Dayton, Ohio, und Paris
Beteiligte
Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien, vermittelt von den Vereinigten Staaten unter Beteiligung der Europäischen Union und Russlands
Ergebnis
Ein Rahmenabkommen mit elf Anhängen, paraphiert am 21. November 1995 und unterzeichnet am 14. Dezember 1995 in Paris
Drei Männer unterzeichnen an einem Tisch, hinter ihnen stehen Staatsgäste vor roten Vorhängen
Milošević, Izetbegović und Tuđman unterzeichnen am 14. Dezember 1995 in Paris das Friedensabkommen für Bosnien.Fotografie, 14. Dezember 1995, gemeinfrei (US-Regierung), Wikimedia Commons

Was war das Abkommen von Dayton?

Das Allgemeine Rahmenabkommen für den Frieden in Bosnien und Herzegowina beendete den Krieg, der seit April 1992 andauerte. Verhandelt wurde vom 1. bis 21. November 1995 auf einem Luftwaffenstützpunkt in Dayton, Ohio, unterzeichnet wurde am 14. Dezember 1995 in Paris.

Am Tisch saßen die Präsidenten Bosnien und Herzegowinas, Kroatiens und Serbiens. Die Vermittlung lag bei den Vereinigten Staaten, unter Beteiligung der Europäischen Union und Russlands.

Das Abkommen ist mehr als ein Friedensschluss im engeren Sinn. Zu ihm gehören elf Anhänge, die vom Rückzug der Truppen über Wahlen und Flüchtlingsrückkehr bis zur Polizeireform reichen. Anhang 4 ist die Verfassung des Staates. Ein Staat erhielt damit seine Grundordnung als Bestandteil eines völkerrechtlichen Vertrags.

Wer verhandelte, und unter welchen Bedingungen?

Der Ort war Teil des Verfahrens. Ein abgeschirmter Militärstützpunkt in den Vereinigten Staaten hielt die Delegationen drei Wochen lang zusammen, ohne Presse und ohne die Möglichkeit, Verhandlungen durch Abreise zu beenden. Dieselbe Technik hatte 1978 in Camp David funktioniert.

Die Bevölkerung des Landes, über dessen Ordnung verhandelt wurde, war an den Gesprächen nicht beteiligt, und über das Ergebnis wurde nicht abgestimmt. Das ist der deutlichste Unterschied zum Karfreitagsabkommen drei Jahre später, das durch zwei Referenden bestätigt wurde.

Möglich wurden die Gespräche durch eine veränderte Lage im Sommer und Herbst 1995, darunter der Völkermord von Srebrenica im Juli, der die internationale Haltung zum Krieg grundlegend verschob, und einen Waffenstillstand im Oktober.

Was wurde beschlossen?

Bosnien und Herzegowina bleibt ein Staat in seinen Grenzen, besteht aber aus zwei Gebietseinheiten: der Föderation Bosnien und Herzegowina mit etwa 51 Prozent der Fläche und der Republika Srpska mit etwa 49 Prozent. Beide haben eigene Regierungen, Parlamente und Polizei.

Auf der Ebene des Gesamtstaats stehen ein dreiköpfiges Staatspräsidium und ein Parlament, in dem die Sitze nach Zugehörigkeit zu drei konstituierenden Völkern verteilt sind. Dazu kommt ein Hoher Repräsentant der internationalen Gemeinschaft, der die zivile Umsetzung überwacht und dabei weitreichende Befugnisse hat.

Militärisch sicherte eine internationale Truppe von rund 60.000 Soldaten die Trennung der Verbände und den Rückzug hinter die vereinbarten Linien. Diese Aufgabe war innerhalb weniger Monate erfüllt, die zivile Umsetzung dagegen dauert an.

Wie lange hielt der Frieden?

Seit dreißig Jahren. Der Krieg ist nicht zurückgekehrt, und daran gemessen hat das Abkommen sein erstes Ziel erreicht: Es hat das Töten beendet.

Das zweite Ziel, ein funktionsfähiger gemeinsamer Staat, ist schwieriger zu beurteilen. Die Ordnung, die das Töten beendete, schrieb die Trennung entlang derselben Linien fest, um die gekämpft worden war. Entscheidungen auf Gesamtstaatsebene setzen die Zustimmung aller drei Seiten voraus, was Blockaden zur Normalform der Politik macht.

Dass das Amt des Hohen Repräsentanten drei Jahrzehnte nach dem Vertrag weiter besteht, ist der nüchternste Befund über diese Konstruktion. Sie trägt den Frieden und hat sich bislang nicht selbst überflüssig gemacht.

Was lässt sich daraus lernen?

Dayton beendete einen Krieg, in dem alle vorherigen Vermittlungsversuche gescheitert waren. Dass es gelang, hing an drei Dingen: einer veränderten militärischen Lage, einem abgeschirmten Ort und einem Vermittler mit eigenen Mitteln. Keines davon war ein Textproblem.

Der zweite Befund ist unbequem. Eine Ordnung, die entlang der Konfliktlinien gebaut wird, macht diese Linien dauerhaft. Wer die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zur Voraussetzung politischer Ämter macht, hält die Einteilung am Leben, aus der der Konflikt entstand.

Für die Praxis heißt das nicht, dass Dayton falsch war. Es heißt, dass ein Abkommen zwei Uhren hat. Die eine misst, ob die Gewalt endet, die andere, ob eine Gesellschaft ohne den Vertrag auskommt. Die zweite läuft langsamer, und sie wird beim Unterzeichnen selten mitgelesen.

Warum kam es zum Krieg in Bosnien und Herzegowina?

Im sozialistischen Jugoslawien war Bosnien und Herzegowina eine von sechs Republiken und die einzige, in der keine nationale Gruppe die absolute Mehrheit stellte. Dort lebten orthodoxe Serben, katholische Kroaten und Muslime, die seit den sechziger Jahren als gleichberechtigte nationale Gruppe anerkannt waren. Als sich Slowenien und Kroatien 1991 für unabhängig erklärten, wurde die Frage, wohin Bosnien und Herzegowina gehört, zur Schicksalsfrage für die ganze Republik.

Bei einer Volksabstimmung im Frühjahr 1992 entschied sich die Mehrheit für einen unabhängigen Staat. Die führende bosnisch-serbische Partei hatte zum Boykott aufgerufen. Die Unabhängigkeit wurde zum Anlass des Krieges, der im April 1992 begann. Auf der einen Seite kämpften nationalistische bosnische Serben mit Unterstützung Serbiens, später auch nationalistische bosnische Kroaten mit Unterstützung Kroatiens. Ihr Ziel war, das Land aufzuteilen und Gebiete an die Nachbarstaaten anzuschließen.

Auf der anderen Seite stand die Regierung in Sarajevo, getragen vor allem von bosnischen Muslimen, die seit 1993 offiziell Bosniaken heißen, aber auch von Serben und Kroaten, die einen gemeinsamen Staat wollten. Geführt wurde der Krieg mit „ethnischen Säuberungen“, Vertreibungen und Massenmord. Im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Einheiten in Srebrenica über 8.000 bosnische Muslime, was internationale Gerichte später als Völkermord eingestuft haben.

Wer sicherte die Waffenruhe militärisch ab?

Die militärische Lage hatte sich schon vor den Verhandlungen verändert. Im September 1995 griff die NATO in der Operation Deliberate Force bosnisch-serbische Stellungen aus der Luft an. Das Historische Büro des US-Außenministeriums zählt diese Angriffe zu den entscheidenden Faktoren, die die Gespräche in Dayton erst möglich machten. Nach der Unterzeichnung übernahm die NATO auch die Umsetzung der militärischen Teile des Abkommens.

Im Dezember 1995 rückte die Implementation Force ein, kurz IFOR, mit 60.000 Soldaten und einem Mandat für ein Jahr. Grundlage war die Resolution 1031 des UN-Sicherheitsrats vom 15. Dezember 1995. Sie erlaubte der Truppe, den Frieden nicht nur zu wahren, sondern notfalls durchzusetzen. IFOR trennte die Streitkräfte der beiden Entitäten, überwachte den Austausch von Gebieten zwischen ihnen und die Markierung der Grenzlinie.

Ein Jahr später folgte die Stabilisation Force, kurz SFOR, anfangs mit 31.000 Soldaten, Anfang 2001 noch mit 19.000 und 2004 mit 7.000. Insgesamt stellten 36 Mitglieds- und Partnerstaaten der NATO Truppen, dazu kamen Soldaten aus fünf weiteren Ländern. Am 2. Dezember 2004 endete die Mission. An ihre Stelle trat eine Truppe der Europäischen Union, die Operation Althea, die von der NATO mit Planung und Logistik unterstützt wird.

Was daraus folgt

Ein Abkommen kann einen Krieg beenden und zugleich die Trennung festschreiben, die ihn ausgelöst hat. Beides steht in demselben Text.
Alle Friedensschlüsse

Der Verlauf

  1. April 1992In Bosnien und Herzegowina beginnt der Krieg. Er dauert dreieinhalb Jahre und kostet rund 100.000 Menschen das Leben.
  2. Juli 1995Der Völkermord von Srebrenica verändert die internationale Haltung zum Krieg grundlegend.
  3. Oktober 1995Ein Waffenstillstand tritt in Kraft und schafft die Voraussetzung dafür, dass überhaupt verhandelt werden kann.
  4. 1. November 1995Die Gespräche auf der Wright-Patterson Air Force Base in Dayton beginnen. Die Delegationen sind vom Gelände praktisch nicht zu entfernen.
  5. 21. November 1995Nach drei Wochen wird das Abkommen paraphiert. Es umfasst ein Rahmenabkommen und elf Anhänge.
  6. 14. Dezember 1995Die förmliche Unterzeichnung findet in Paris statt. Eine internationale Truppe von rund 60.000 Soldaten sichert die Umsetzung.
  7. Seit 1996Ein Hoher Repräsentant überwacht die zivile Umsetzung. Das Amt besteht bis heute, was über die Dauerhaftigkeit der Konstruktion mehr sagt als jeder Kommentar.

Häufige Fragen

Was bedeutet Dayton?

Dayton ist eine Stadt im US-Bundesstaat Ohio. In ihrer Nähe liegt die Wright-Patterson Air Force Base, auf der im November 1995 verhandelt wurde. Nach dem Ort heißt das Abkommen meist Dayton-Abkommen. Sein offizieller Name lautet Allgemeines Rahmenabkommen für den Frieden in Bosnien und Herzegowina. Weil es in Paris unterzeichnet wurde, spricht man auch vom Abkommen von Dayton und Paris.

Wie viele Menschen starben im Bosnienkrieg?

Nach Schätzungen starben bis zum Kriegsende 1995 etwa 100.000 Menschen, ein Großteil davon aus der muslimischen Bevölkerung. Allein beim Völkermord von Srebrenica im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Einheiten über 8.000 bosnische Muslime. Opfer dieser Massaker werden bis heute identifiziert und bei den jährlichen Gedenkfeiern in Potočari bestattet.

Was war Bosnien und Herzegowina vor 1992?

Eine Republik innerhalb Jugoslawiens. Als moderner unabhängiger Staat besteht Bosnien und Herzegowina erst seit 1992. Im späten Mittelalter gab es ein Königreich Bosnien und im Süden ein Herzogtum, von dem der Name Herzegowina stammt. Nach der osmanischen Herrschaft wurde das Gebiet 1878 von Österreich-Ungarn besetzt, 1908 annektiert und nach 1945 eine der sechs Republiken des sozialistischen Jugoslawiens.

Was ist der Distrikt Brčko?

Brčko ist ein kleiner Distrikt im Norden des Landes. Offiziell gehört er zu beiden Entitäten, der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska, tatsächlich funktioniert er aber als eigenes Sonderverwaltungsgebiet. Bosnien und Herzegowina besteht damit heute aus zwei Entitäten und diesem selbstverwalteten Distrikt.

Wurden die Kriegsverbrechen verfolgt?

Ja. Die Vereinten Nationen schufen 1993 in Den Haag den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, um die Verbrechen der Kriege zu ahnden. Das Gericht entstand also noch während des Krieges, zwei Jahre vor dem Abkommen. Bis zu seiner Auflösung 2017 wurden dort 90 hochrangige Verantwortliche verurteilt.

Von der Geschichte zur eigenen Mission

Jeder dieser Verträge war das Werk von Menschen, die es für machbar hielten. Dieselbe Haltung braucht es im Kleinen: in einer Nachbarschaft, einer Schule, einem Verein.

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